Der nackte Mensch – Klaus Illners Pastelle fundiert analysiert

Ausstellung: Körperdarstellung zwischen Akt und Nacktheit

Galerie Gortaire, Berlin | 5. Februar – 21. März 2026

Die Ausstellung Der nackte Mensch in der Berliner Galerie Gortaire widmet sich den Pastellarbeiten des Malers und Grafikers Klaus Illner (1947–2024) und rückt einen zentralen Themenkomplex seines umfangreichen Œuvres in den Fokus: die Darstellung des menschlichen Körpers jenseits idealisierender, sexualisierender oder normierender Zuschreibungen. Illners Arbeiten auf Papier eröffnen einen analytischen Blick auf den Körper als Träger von Präsenz, Materialität und Individualität – und positionieren sich damit bewusst im Spannungsfeld zwischen kunsthistorischer Tradition und zeitgenössischem Körperdiskurs.

 

Akt und Nacktheit – eine begriffliche Differenzierung

In der kunstwissenschaftlichen Diskussion ist die Unterscheidung zwischen Akt und Nacktheit von zentraler Bedeutung. Während der Akt traditionell als ästhetisch regulierte, kulturell kodierte Darstellungsform verstanden wird, bezeichnet Nacktheit einen Zustand der Entblößung, der nicht zwangsläufig ästhetisiert oder idealisiert ist. Der Akt folgt historisch gewachsenen Normen von Proportion, Harmonie und Komposition; Nacktheit hingegen verweist auf Vulnerabilität, Körperlichkeit und soziale Realität.

Illners Pastelle sind in diesem Sinne weniger dem klassischen Akt verpflichtet als einer Darstellung des nackten Menschen. Seine Figuren erscheinen nicht als Projektionsflächen eines normierten Schönheitsideals, sondern als körperliche Individuen mit Gewicht, Haltung, Spannung und Unvollkommenheit. Die Arbeiten entziehen sich damit einer rein dekorativen Lesart und eröffnen einen Reflexionsraum über Körperwahrnehmung und Sichtbarkeit.

 

Pastell auf Papier – Medium und kunsthistorische Verortung

Die Wahl der Pastelltechnik ist für Illners Werk nicht zufällig. Pastell zählt zu den ältesten zeichnerischen Medien der europäischen Kunstgeschichte und wurde seit der Renaissance – etwa in Form von Rötelstudien – zur Untersuchung des menschlichen Körpers genutzt. Die Technik erlaubt eine unmittelbare Verbindung von Linie und Fläche, von Zeichnung und malerischer Setzung.

Illners Umgang mit Pastell zeichnet sich durch eine hohe Sensibilität für Materialität aus. Die Kreidespur bleibt sichtbar, der Abrieb des Pigments wird nicht kaschiert, sondern als integraler Bestandteil der Bildaussage genutzt. Diese Offenheit des Mediums verweist auf den Prozesscharakter der Darstellung: Der Körper entsteht nicht als abgeschlossene Form, sondern als Ergebnis eines tastenden, beobachtenden Zugriffs. Damit positioniert sich Illner in einer zeichnerischen Tradition, die das Sehen selbst zum Thema macht.

 

Formale Analyse: Linie, Raum und Körperauffassung

Formal sind Illners Pastelle durch eine klare, ökonomische Linienführung gekennzeichnet. Die Linie fungiert nicht primär als Kontur, sondern als strukturierendes Element, das Volumen, Gewicht und Bewegung andeutet. Räume bleiben oft angedeutet oder gänzlich offen; der Körper behauptet sich als zentrales Bildereignis vor neutralem Grund.

Diese Reduktion erzeugt eine besondere Konzentration auf die Körperauffassung: Illners Figuren sind weder dramatisch inszeniert noch narrativ aufgeladen. Vielmehr vermitteln sie einen Zustand ruhiger Präsenz. Die Körper erscheinen in sich ruhend, manchmal fragil, manchmal selbstbewusst, stets jedoch frei von überzeichneter Expressivität. Gerade diese Zurückhaltung verleiht den Arbeiten ihre Intensität.

 

Körperdiskurs, Blick und Intimität

Im Kontext aktueller Körperdiskurse gewinnen Illners Pastelle eine besondere Relevanz. In einer visuellen Kultur, die von medialen Schönheitsnormen und sexualisierten Körperbildern geprägt ist, wirken seine Arbeiten bewusst entschleunigend. Sie entziehen sich dem voyeuristischen Blick und fordern eine kontemplative Betrachtung ein.

Intimität entsteht hier nicht durch erotische Überhöhung, sondern durch Nähe im Wahrnehmen. Der Blick des Künstlers ist analytisch, nicht instrumentalisierend. Erotik – sofern sie empfunden wird – resultiert nicht aus der Darstellung selbst, sondern aus der individuellen Rezeption. Illners Arbeiten sind damit explizit nicht pornografisch; sie verweigern jede Form der Aufreizung zugunsten einer nüchternen, respektvollen Körperbegegnung.

 

Klaus Illner im Kontext seines Œuvres

Das dargestellte Konvolut ist Teil eines umfangreichen Nachlasses von über 3000 Arbeiten, von denen der Großteil auf Papier ausgeführt wurde. Naturstudien, Porträts, Landschaften und surreale Bildwelten bilden den erweiterten Kontext, innerhalb dessen die Akt- und Nacktstudien eine konstante, wiederkehrende Rolle einnehmen. Sie fungieren nicht als Randthema, sondern als zentraler Untersuchungsgegenstand künstlerischer Praxis.

 

Ausstellung, Markt und Sammlerinteresse

Die Galerie Gortaire präsentiert Der nackte Mensch als kunstwissenschaftlich fundierte Werkschau, die sowohl für ein fachkundiges Publikum als auch für Sammler von besonderem Interesse ist. Die gezeigten Pastelle sind käuflich zu erwerben, mit und ohne Rahmung. Aufgrund ihrer zeichnerischen Qualität, der klaren kunsthistorischen Verortung und der geschlossenen Werkgruppe stellen sie eine nachhaltige Position innerhalb der zeitgenössischen Papierarbeiten dar.

Begleitend zur Ausstellung finden eine Lesung aus Stillleben von Matthias Illner (28. Februar 2026) sowie ein Abschlusskonzert mit Steffen Illner (21. März 2026) statt, die das Werk in einen erweiterten kulturellen Kontext einbetten.

 

Fazit

Der nackte Mensch zeigt Klaus Illner als Künstler, der den Körper nicht interpretiert, sondern ernst nimmt. Seine Pastelle formulieren eine leise, aber konsequente Gegenposition zu normierten Körperbildern und eröffnen einen Raum, in dem Zeichnung, Materialität und Wahrnehmung zu einem präzisen künstlerischen Statement zusammenfinden.

 

Figuration mit Haltung: Berliner Gegenwartskunst und ein bewegtes Künstlerleben

Ein Leben zwischen Farbe, Form und Klang:
Mit der Gedenkausstellung „Ein bewegtes Leben in Farbe“ würdigt das KunstWasserWerk Schwerin (https://www.kunstwasserwerk.de/programm) das vielseitige Schaffen des Mecklenburger Künstlers Klaus Illner (1947–2024). Gezeigt werden Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen – von naturnahen Studien bis zu expressiven Seelenbildern – begleitet von Musik und persönlichen Erinnerungen.

 Zum vollständigen Artikel im Art-Magazine:
 https://www.art-magazine.eu/de/ein-bewegtes-leben-in-farbe-gedenkausstellung-fuer-klaus-illner-im-kunstwasserwerk-schwerin#c496

 

Grenzen sprengen, Mythen neu denken:
Mit „Der falsche Sisyphos“ zeigt Matthias Illner in der Berliner Gortaire Galerie eine Ausstellung, die figurative Malerei, philosophische Tiefe und zeitgenössische Fragestellungen eindrucksvoll verbindet. Zwischen Mythos, moderner Lebensrealität und psychologischer Symbolik entsteht ein Werkzyklus, der nicht nur betrachtet, sondern gedacht werden will.

 Jetzt den vollständigen Artikel lesen:
 https://www.art-magazine.eu/de/der-falsche-sisyphos-von-matthias-illner-die-berliner-kunstausstellung-die-alle-grenzen-sprengt

 

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🔗 Mehr erfahren, mehr erleben:

 

Gortaire Galerie
Scherenbergstraße 6
10439 Berlin

Öffnungszeiten: Mittwoch – Samstag: 15:00 – 20:00Uhr
Sonntag nach Vereinbarung

Kontakt: Matthias Illner 030 30365306 oder 0176 69766821

 

Pastellarbeit von Klaus Illner mit weiblichem akademischen Aktmotiv auf Papier.

Weiblicher akademischer Frauenakt von Klaus Illner, Pastellkreide auf Papier

Weiblicher Rückenakt: Pastell auf Papier von Klaus Illner aus der Werkgruppe „Der nackte Mensch“

Detailaufnahme einer weiblichen Pastellzeichnung von Klaus Illner

Männerakt: Aktzeichnung von Klaus Illner mit kräftigen Kreidespuren