Ein neuer Raum für bestehende Fragen
Im September 2026 eröffnete die Galerie Nordenhake ihren großzügigeren Standort in der Goethestraße 2–3 im Berliner Stadtteil Charlottenburg – ein 19. Jahrhundert-Postgebäude, das zuvor zur Galerie Max Hetzler gehörte. Die Eröffnung fiel mit der Berlin Art Week zusammen und wurde durch die Gruppenausstellung „SYMPTOMS“ gefeiert, die zugleich als Eröffnungsprojekt fungierte.
Die Ausstellung markiert den Abschluss des fünfzigjährigen Jubiläumsjahrs der Galerie, die in Stockholm, Berlin und Mexiko-Stadt agiert. SYMPTOMS ist somit beides: Festakt wie ein Programmauftakt im neuen Ambiente.
Was ist ein Symptom in diesem Kontext?
Im Ausstellungskonzept wird ein Symptom als Spur verstanden – nicht als Abbild, sondern als sichtbare Andeutung eines verborgenen Zustands. Kunstwerke fungieren als Echo dessen, was sich nicht direkt zeigen lässt, und machen das Unbegriffene sichtbar.
Künstlerische Zeugnisse des Unbehagens
Die Ausstellung vereint Künstler unterschiedlicher Generationen und Medien wie Malerei, Skulptur, Fotografie und Collage: Mirosław Bałka, Ann Edholm, Ayan Farah, Valentina Kozinets, Alex Müller, Francis Offman, Naufus Ramírez‑Figueroa und Not Vital ergänzen das Spektrum. Gemeinsam zeichnen sie Zustände des Unheimlichen, des Verbergens und des Verformens nach.
Benjamin Orlow und das Ritual der Verformung
Das räumlich und inhaltlich dominierende Werk „Ritual City“ (2026) von Benjamin Orlow ist eine skulpturale Konstruktion aus Gips, Keramik und Holz. Fragmentierte Figuren verflechten sich mit Gerüststrukturen, treiben einen Prozess der Verformung und Transformation, dessen Anfang und Ende unklar bleiben.
Edvard Munchs doppelte Bedrohung
In der Lithografie „Vampyr II“ (1895) – eine Neufassung der 1893 entstandenen Fassung, einst unter dem Titel „Liebe und Schmerz“ im Berlin gezeigt – wird die körperliche Nähe zum Ausdruck eines schleichenden Unheils: Zwei Körper verschmelzen, die Konturen lösen sich auf, die Nähe wirkt bedrohlich, offenbart sich erst durch den Titel.
Fragment und Alter als Ausdruck existenzieller Spur
George Grosz porträtiert in einer frühen Zeichnung die Trauer eines alternden Mannes neben einem leeren Napf, eine reduzierte, aber eindringliche Bildsprache des Verlustes. John Coplans fragmentiert seinen eigenen Körper in Großaufnahmen, in denen Alter, Verletzlichkeit und gelebte Erfahrung sichtbar werden.
Räume der Erinnerung bei Andersson und Schmidt
Mamma Andersson verwandelt Interieurs und Landschaften durch subtile Verschiebungen von Licht, Farbe und Komposition in psychologische Räume voller Unheimlichkeit. Michael Schmidt hingegen zeigt in der Serie „Waffenruhe“, wie Stadtarchitektur Geschichte, Erinnerung und politische Spaltung als Leerstellen manifestiert.
Materialität und Widerstand bei Reinhold und Orupabo
Sophie Reinhold setzt Marmorstaub in ihren Gemälden als skulpturales Element ein: Schichten aus aufgetragenem Pigment, gespachtelt, geschliffen – ein eingefrorener Malprozess, der Geste und Material explizit erfahrbar macht. Frida Orupabo wiederum fragmentiert Archivfotografien schwarzer Körper und legt strukturelle Gewalt in klassischen Bildtraditionen offen. Ihre Collagen überschreiten symptomatisches Zeigen und schaffen aktive Gegenfiguren.
Struktur und Wirkung der Ausstellung
„SYMPTOMS“ gliedert sich nicht streng chronologisch oder formal, sondern verbindet Aspekte wie Fragmentierung, Erinnerung, Materialität und Körperlichkeit. Der Besucher wird aufgefordert, zwischen bekannten Formen und ihrer Irritation zu navigieren – ein sensibles, nicht-linear erzähltes Erlebnis.
Der neue Standort mit seiner historischen Architektur trägt zur inhaltlichen Wirkung bei: Ein altmodischer Postgebäuderahmen, der einem zeitgenössischen Gedankenraum für die Spurenthematik dient.
Kontext und Bedeutung für Berlin Art Week
Die Eröffnung zur Gallery Night am 10. September 2026 (18–22 Uhr) fiel in die Berlin Art Week und bot weitgehend barrierefreien Zugang. Diese Inszenierung stellte SYMPTOMS in einen erweiterten kulturellen Rahmen und betonte den öffentlichen Anspruch.
Gegen den Hintergrund rückläufiger kultureller Infrastruktur in Berlin fungiert diese Neueröffnung auch als Signal: Während einige Institutionen schließen, besetzt Galerie Nordenhake gezielt neue Räume – ein Zeichen von Zuversicht und Expansion im Kunstbetrieb.
Bedeutung für das Ausstellungswesen
Mit SYMPTOMS zeigt die Galerie Nordenhake, dass sie trotz fünf Jahrzehnten im internationalen Kunstbetrieb offen bleibt für Experiment, Formbruch und vielschichtige Perspektiven. Die Ausstellung steht exemplarisch für eine Kunst, die Symptome nicht erklärt, sondern sichtbar macht – ein poetischer und fordernder Ansatz in fragmentierten Zeiten.



