Einführung in ein multisensorisches Meer
Helsinki-basierter Künstler Tuomas A. Laitinen zeigt mit „Siphon“ im New Yorker Pioneer Works eine Installation, die auf über einem Jahrzehnt Forschung zu Kupfergeheimnissen und der Oktopusbiologie basiert. Hier wird die kupferhaltige Blutflüssigkeit der Oktopusse zum Symbol für tiefgreifende ökologische Vernetzungen.
Visuelle Intensität: Kupferträume und Hautlandschaften
Die Main Hall des Pioneer Works wird durch wandfüllende Projektionen in leuchtenden „thermal magentas“ und „molten ambers“ erfüllt, die Laitinens eigene Aufnahmen mit Schlafsequenzen schlafender Oktopusse aus Okinawa kombinieren. Die Haut dieser Tiere formt ein pulsierendes, “churning terrain”, in dessen Zentrum ein riesiges Pupillenauge auf den Betrachter blickt.
Glaskunst als möglicher Lebensraum
Auf einem gestuften Podest stehen wassergefüllte Behälter mit handgeblasenen Glaskörpern – tubular und verschlungen – als potenzielle Unterschlupfe für Oktopusse. Das Wassergefüge und die organischen Formen verweisen auf die fragile Verbindung von Leben, Material und Skulptur.
Ikebana trifft Ikonografie: Ohtsubos florale Resonanz
Der 86-jährige Ikebana-Meister Kosen Ohtsubo ergänzt die Installation mit traditioneller Blumenkunst: Äste, Kiefernnadeln, yard-long beans und Erdnüsse auf Draht schaffen eine subtile Gegenbalance zu den dominanten Projektionen.
Klang und Körper: „8Eternal“ als vibrierende Präsenz
Über der Szenerie schwebt „8Eternal“ (2026), die Stimme der kenianischen Komponistin Nyokabi Kariuki, die durch acht Ultrasonic-Speaker als schmale Klangstrahlen etabliert wird – Klang, der sich bewegt, auftaucht und wieder entschwindet, je nach Position des Besuchers.
„Siphon“ im Kontext: Ökologie, Materialität, Verbindung
„Siphon“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Neurowissenschaftler Sam Reiter vom Okinawa Institute of Science and Technology (OIST) und wird kuratiert von Gabriel Florenz. Die zentrale Arbeit ist eine multikanalige Video-Installation, gefördert durch Institutionen wie Andy Warhol Foundation, NEA und weitere finnische sowie US-Stiftungen.
Material-Mythos Kupfer
Kupfer tritt auf als mythisches und geopolitisches Element, dessen Leitspur überraschend zur Oktopusbiologie führt – dort, wo hemocyanin Kupfer enthält, das in der Blutbahn Sauerstoff transportiert, gleichzeitig aber auch ökologisch und symbolisch tief verankert ist.
Mehr-als-menschliche Perspektiven
Laitinens Werk führt nicht nur in multisensorische Räume, sondern lässt das Publikum mitdenken. Die Oktopusse agieren autonom, die Glaskörper laden ein, die Grenzen des menschlichen Wahrnehmens zu verschieben – zwischen Objekt und Organismus, Kunst und Natur.
Rückblick auf frühere Arbeiten: Tentaculating zwischen Wissenschaft und Ästhetik
In früheren Installationen wie „Haemocyanin“ (2019) erforschte Laitinen die Formensprache des Oktopus: Das Tier interagiert mit gläsernen Skulpturen, ausgestattet mit mehreren Röhren, die zum Erkunden einladen. Video, Verzerrung und Farbe erzeugen eine Art Dialog zwischen biologischer Präsenz und künstlerischer Form.
Auch in der Ausstellung „Cyanoceans“ (Tallinn, 2024) verband Laitinen Glasarbeiten, Wasser, Kupfersulfat und Video, um die ökologische Rolle von Hemocyanin und Glaskunst in einem „tentaculating“ Denken – einem sinnlich-vernetzenden Zugang – zu erforschen.
„Siphon“ als Fortführung einer künstlerischen Forschung
„Siphon“ fasst Laitinens langjährige Auseinandersetzung mit Kupfer, Oktopusintelligenz, Geopolitik und Materialpoesie zusammen. Die Arbeiten verknüpfen Aspekte von Biologie, Technologie, Tradition (Ikebana) und Klanginstallation zu einem verschlungenen Erlebnisraum.
Das Publikum wird eingeladen, jenseits menschlicher Kategorien Wahrnehmung zu erweitern: Kupfer wird zur Quelle, Oktopusse zu Vermittlern, Glaskörper zu Organismen – eine lebendige Ökologie im Raum.
Schlussgedanke: Kunst als Tentakel
Laitinens „Siphon“ ist mehr als eine Ausstellung – es ist eine Einladung, die Welt nicht nur zu sehen, sondern zu spüren, zu durchdringen und mit ihrer Komplexität zu schwingen. Kunst wird zum Tentakel, das in fremde Ökologien greift und dort Resonanz findet.