Ein Etikett mit Erfolg
Kaum ein Begriff hat die deutsche Malerei der vergangenen zwanzig Jahre so geprägt wie die „Neue Leipziger Schule“. Gemeint ist eine Generation von Malerinnen und Malern, die nach der Wiedervereinigung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig studierten, vor allem bei Arno Rink und Sighard Gille, und deren Bilder ab den 2000er-Jahren international gefragt waren.
Ein Stil oder gar eine Gruppe ist damit nicht gemeint. Viele der so bezeichneten Künstler lehnen die Zuordnung ab, und die Kunstwissenschaft meidet den unscharfen Begriff. Er wirkte vor allem als Label auf dem Kunstmarkt.
Drei Generationen Leipziger Malerei
Die Bezeichnung knüpft an die ältere Leipziger Schule an. Mit ihr verbinden sich die Namen Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke, die 1977 auf der documenta 6 in Kassel ausstellten und damit die figurative Malerei aus der DDR international bekannt machten. Ihre Schüler, darunter Arno Rink und Sighard Gille, gelten als zweite Generation und wurden selbst Professoren an der HGB.
Die Neue Leipziger Schule meint deren Schüler, also die dritte Generation. Wer zur älteren Leipziger Schule gehört und warum das nicht dasselbe ist, zeigt unser Porträt des Heisig-Schülers Walter Libuda.
Wer dazugezählt wird
Die bekannteste Figur ist Neo Rauch, Schüler von Arno Rink und Bernhard Heisig, der spätestens 2002 internationales Ansehen erlangte. Häufig genannt werden außerdem Matthias Weischer, David Schnell, Tim Eitel, Christoph Ruckhäberle, Tilo Baumgärtel, Rosa Loy, Martin Kobe und Michael Triegel. Welche Namen dazugehören, ist allerdings uneinheitlich.
Gemeinsam ist vielen Arbeiten die Verbindung von figürlichen und abstrakten Elementen. Anders als bei der älteren Leipziger Schule tragen die Bilder selten eine klare Botschaft; oft wirken sie wie rätselhafte Bühnen, in denen Menschen, Räume und Zeiten zusammentreffen.
Galerien, Spinnerei und Kritik
Großen Anteil am Erfolg hatte der Galerist Gerd Harry „Judy“ Lybke mit seiner Galerie Eigen + Art in Leipzig und Berlin. Er machte ab den 1990er-Jahren vor allem die Bilder von Neo Rauch auf dem US-amerikanischen Kunstmarkt bekannt. Ab etwa 2004 galten junge Absolventen aus den Klassen von Rink und Gille als Stars des Marktes, der Vergleich mit den Young British Artists lag nahe. Seit 2005 haben sich viele Galerien in der Leipziger Baumwollspinnerei angesiedelt, die bis heute ein Zentrum der Leipziger Kunstszene ist; mehr dazu in unserer Reportage vom Herbstrundgang 2023.
Mit dem Erfolg kam die Kritik. Zeitungen wie Die Zeit, die Welt am Sonntag oder die Washington Post fragten ab Mitte der 2000er-Jahre, wie viel an der Neuen Leipziger Schule Malerei und wie viel Vermarktung sei.
Leipziger Ausbildung: Diana Achtzig
Auch die Berliner Malerin und Galeristin Diana Achtzig hat an der HGB Leipzig studiert, unter anderem bei Arno Rink. In ihrer Bildserie der Katzenfische verbinden sich Katze, Fisch und Vogel zu heiteren Mischwesen, gemalt in Öl vor farbigen, teils abstrakten Gründen. Die Serie begleitet sie seit über drei Jahrzehnten. Mehr über ihre Ausbildung und ihre Werke erzählt unser Artikel Kunst von Diana Achtzig kaufen: Was die Malerin der HGB Leipzig auszeichnet.
Katzenfische von Diana Achtzig
Quellen
- Neue Leipziger Schule bei Wikipedia
- Leipziger Schule (Bildende Kunst) bei Wikipedia
- Christian Schüle: Die stille Revolte. In: Die Zeit, 21. Juli 2005
- Hanno Rauterberg: Geborgtes Leben. In: Die Zeit, 13. Juli 2006
- Stephan Berg: Das Unbehagen mit der Neuen Leipziger Schule. In: Welt am Sonntag, 2. März 2008



